Nutzwert vor Image


Ford Mondeo 2.0i 16V Turnier (Bj. 1997)



Ein Text aus dem Jahr 2001, ebenfalls auf zwei Verbraucherplattformen erschienen


Zeit für den Abschied: Nach zehn Jahren wurde uns der alte Orion zunehmend unheimlicher. Die Reparaturen begannen teuer zu werden, beim TÜV-Termin war ein ausgeschlagenes Lenkgetriebe bemängelt worden, die hinteren Stoßdämpfer ölten, und die Gänge wollten nicht mehr so richtig reingehen.

Nun: lieber ein schnelles Ende als ein teures. Nachdem der Entschluß gefaßt war, sahen wir uns nach einem neuen Wagen um. Nach einem bezahlbaren, und das war gar nicht so einfach. Ein einigermaßen komfortabler Neuwagen mit Platz für eine vierköpfige Familie und genug Stauraum für die Fahrt in den Urlaub reißt ein derartiges Loch in die Kasse, daß man sich kaum noch wundert, daß heutzutage etwa 80% der Neuwagenkäufe finanziert werden. Das kam nicht in Frage. Zumal ich schon gar keine Lust hatte, die immensen Wertverluste in den ersten zwei Jahren hinzunehmen.

Also wurde der Gebrauchtfahrzeugmarkt gesichtet. Und der ist zur Zeit eher käuferfreundlich. Nach und nach fokussierte sich die Suche auf Kombis von Ford: Das Markenimage von Ford ist (teilweise zu unrecht, aber für Gebrauchtwagenkäufer erfreulicherweise) schlecht, so daß die Preise sehr fair sind.

Ein Escort hätte es wohl getan - meine einzigen Vorgaben an die Ausstattung waren Klima und Zentralverriegelung. Wir schalteten die halbe Familie als Scouts ein und wandten uns zusätzlich an die Ford-Werkstatt unseres Vertrauens. Und ausgerechnet da wurden wir schneller fündig als erwartet: Escort? Nix da, aber einen Mondeo Turnier hatten sie auf dem Hof stehen: 97er Erstzulassung, GLX-Ausstattung, 2.0-Liter-Motor und nur knapp 60 TKM gelaufen.

Von einem berufsbedingt sehr autokundigen Mitglied der Verwandschaft wurde der Wagen begutachtet und für technisch sehr gut befunden. Mit seinem Beistand bei den Preisverhandlungen erreichten wir einen Preis am unteren Rand des Üblichen und eine recht kulante Inzahlungnahme des Orion. Die Werkstatt behob noch einige optische Mängel, dann durften wir tauschen.


Fahrverhalten und Komfort


In den Wochen seit dem Kauf haben wir gut 2000 km zurückgelegt (inklusive einer Fahrt nach Frankreich). Dabei hat sich der Mondeo als komfortables Reise-Auto erwiesen. Nahezu alles war besser als beim alten Auto - aber das kann man bei 6 Jahren Altersunterschied und einer höheren Klasse schließlich erwarten.

Zunächst beeindruckten uns die Laufruhe und recht ordentliche Geradeauslauf - eine Folge des im Vergleich zum Orion deutlich längeren Radstandes und höheren Fahrzeuggewichts.

Auch der Lärmpegel im Inneren hält sich in erfreulich geringen Grenzen - ab etwa Tempo 140 wird es jedoch sehr mühselig, beispielsweise Klassik-CDs mit ihrem typisch großen Dynamikumfang im Auto zu hören. Unterhalten kann man sich jedoch immer problemlos.

Sehr erfreulich ist die hervorragende Handlichkeit. Ich hatte erwartet, daß ein Fahrzeug, das einen knappen halben Meter länger ist als unser Altauto, sich schwieriger rangieren und lenken läßt. Das Gegenteil ist der Fall. Dank der hinreichend direkten und gefühlvoll zu bedienenden Servolenkung kann man den Wagen zur Not auch beim Ausparken mit dem kleinen Finger dirigieren.

Die Fahrwerksabstimmung ist dagegen ein Kritikpunkt. Der Wagen ist kompromißlos auf Gutmütigkeit und konservatives Fahrverhalten ausgerichtet, doch die Federung ist einigermaßen unbequem: Jeder Mangel des Straßenbelags wird nahezu ungemindert an die Passagiere weitergereicht.


Karosserie und Innenraum


Der Mondeo Turnier hat Platz ohne Ende - dieser Eindruck drängte sich beim Einladen des Reisegepäcks auf. Die Heckklappe öffnet so weit, daß ich mit 1,85 m Körpergröße noch lange nicht in die Gefahr komme, mir die Rübe zu rennen. Die Ladekante liegt recht niedrig, der Gepäckraum bietet scheinbar unendliche Weiten. Wenn man die Rückbanklehne umlegt, erhält der Mondeo Lieferwagen-Qualitäten.

Auf allen Sitzen ist die Kopffreiheit hervorragend. Die Beinfreiheit ist ebenfalls gut, und dank des 3-Punkt-Gurtes in der Mitte der Rückbank kann der Mondeo auf mittleren Strecken als echter Fünfsitzer genutzt werden - in Autos der Kompaktklasse ist der 5. Sitz dagegen eher eine Notlösung für Kurzstrecken oder schmale Hänflinge.

Nicht berauschend finde ich die Übersicht nach hinten. Klar: Daran ist die lange Turnier-Karosserie mit schuld. Aber eben auch das vergleichsweise kleine Heckfenster. Vor allem der Blick nach hinten rechts macht mir Schwierigkeiten - aber vielleicht ist das eine Frage der Gewöhnung.

Über die Innenraumgestaltung schweigt man besser ;-) Kunststoff und Kunstfaser-Plüsch bestimmen das Bild. Schön ist das nicht, aber immerhin funktional. Die Sitzbezüge sind nach wie vor schweißtreibend - hier hat Ford die 6 Jahre Entwicklungszeit ungenutzt verstreichen lassen. Gut, daß der Wagen eine Klimaanlage besitzt. Die Verarbeitung zeigt keine wesentlichen Mängel.


Technik, Fahrleistungen, Verbrauch und Sicherheit


Der 2-Liter-Motor treibt das Fahrzeug recht munter voran - bei 1,5 Tonnen Gewicht ist das schon was. 130 PS hatte ich mir aufregender vorgestellt, aber im Ernst: Aufregend ist an einem großen Kombi selten etwas. So kann man nur sagen, daß die Motorisierung angemessen ist. Soweit ich weiß, wurde das Fahrzeug auch mit einem 1,6-Liter-Benziner angeboten, und das wäre wohl definitiv zu schwach.

Die subjektiv empfundene Beschleunigung (Messungen habe ich nicht durchgeführt) genügt sowohl im Stadtverkehr als auch auf der Autobahn vollauf für Fahrer, die sich mental im Normbereich bewegen. Verhinderte Rallye-Piloten werden eher die Finger davon lassen. Für sie gibt es den 2,5-Liter-V6, wenn sie denn Mondeo fahren wollen.

Das Spitzentempo von ca. 200 km/h erreicht der Mondeo ohne langes Rumeiern problemlos. Bestätigt habe ich das durch eine Stoppuhr-Messung anhand der Leitpfosten. Allerdings ist im oberen Tempobereich schon eine merkbare Tacho-Voreilung (bis 5%) festzustellen.

Der Verbrauch stellt sich erfreulicher dar als ich nach Testberichten und Werksangaben vermutet hatte. Im Stadverkehr (also auf meinem Weg zur Arbeit) habe ich bisher als höchsten Durchschnittsverbrauch 8,5 Liter bleifreies Super auf 100 km errechnet (bei teilweise eingeschalteter Klimaanlage). Bei der Rückfahrt aus Frankreich kamen wir (Tempolimit 130 auf französischen Autobahnen) mit 7,1 Litern hin. Das ist für ein Fahrzeug dieser Größe sehr akzeptabel.

Ich habe selbstverständlich keinen Crashtest mit dem Auto gefahren, aber die große und schwere Karosserie zusammen mit den Fahrer- und Beifahrer-Airbags, ASR und ABS sowie die schon erwähnte Fahrwerksabstimmung erzeugen bei Fahrer und Passagieren ein angenehmes Gefühl der Gelassenheit.

Die Bremsen packen vernünftig zu und verzögern die doch recht große Masse zuverlässig.


Fazit


Nach meinen bisherigen Erfahrungen ist der Mondeo Turnier genau das richtige Auto für Familien. Steuer und Versicherung sind bezahlbar, der Verbrauch ist erträglich, das Platzangebot riesig. Ich habe den Kauf noch keine Sekunde bereut, muß dazu aber auch sagen, daß ich eher zu den konservativen Fahrern gehöre (obwohl ohne Klorolle auf der Hutablage *g* unterwegs).


Ergänzung, einige Monate später:

Erfahrungen im Winter


Inzwischen ist es kälter geworden, nachdem fast alle Mitbürger aus dem Urlaub zurück sind ist auch der Verkehr in Köln dichter.

Wie verhält sich der Mondeo unter diesen geänderten Vorzeichen:

Der Verbrauch ist in die Höhe geschnellt. Im Stadtverkehr mit jetzt häufigeren Ampel-/Stau-Stopps verbraucht der Wagen 9,5 bis 10 Liter Super auf 100 km. Dies ist wohl tatsächlich auf die Verkehrsbedingungen zurückzuführen, da der Autobahn-Verbrauch bei gemäßigter Fahrweise immer noch zwischen 7,1 und 7,5 Litern liegt.

Die Heizung mußte jetzt auch zeigen, was sie kann. Und sie kann! Nach wenigen Minuten Fahrt strömt angenehme Wärme durch den Innenraum, die Scheiben sind rasch beschlagfrei.
Übrigens ist die Empfehlung im Handbuch, zum Entfernen des Kondenswassers die Klimaanlage zuzuschalten, eine zweischneidige Sache: Die Scheiben sind tatsächlich blitzschnell klar, da die Klimaanlage die Luft entfeuchtet. Schaltet man sie jedoch wieder aus, ist die Frontscheibe im Zielbereich des Gebläses merklich kälter und beschlägt dort auch wieder eher. Letztlich fährt man im Alltag besser damit, die heizung voll aufzudrehen und das Gebläse auf die höchste Stufe zu stellen - dann lärmt es allerdings ganz gewaltig.

Der Wagen springt auch nach Frostnächten im Freien klaglos an.

Die Sicht nach hinten konnte ich übrigens leicht verbessern, indem ich die hinteren Kopfstützen herausnahm. Da dort meist zwei Kinder in Kindersitzen unterwegs sind, werden die Kopfstützen selten gebraucht. Trotzdem bleiben die Ausbuchtungen für das hochgesetzte dritte Bremslicht und den Scheibenwischermotor im Weg.